„HÖR ENDLICH AUF, MICH DEINE FREUNDIN ZU NENNEN!“, FUHR DIE KURVIGE KONDITORIN IHN AN … UND DANN TAT DER MAFIABOSS DAS …
TEIL 1
Die Freundin, die nie zugestimmt hatte, eine zu sein
„Hör auf, den Leuten zu erzählen, ich sei deine Freundin!“
Renata Castillos Stimme hallte durch die gesamte Bäckerei Dulce Amanecer im Viertel Condesa. Die Gespräche der Kunden verstummten schlagartig, und zwei Leibwächter warfen sich alarmierte Blicke zu.
Niemand sprach so mit Alejandro Barragán.
Der 38-Jährige kontrollierte Restaurants, Bauunternehmen und Geschäfte, über die die meisten Menschen lieber nicht sprachen. Sein Nachname allein genügte, um einen Tisch schlagartig zu leeren oder eine bereits getroffene Entscheidung zu ändern.
Renata dagegen zeigte einfach zur Tür.
„Du nimmst das zurück – oder du gehst.“
Alejandro stand reglos vor dem Tresen, makellos in seinem schwarzen Anzug.
„Ich werde nichts zurücknehmen.“
„Dann verschwinde.“
„Rein technisch gesehen hat die Lüge funktioniert.“
Renata drehte sich zu Mercedes um, Alejandros Tante.
„Das ist Ihre Schuld. Sie hat fünfzehn Minuten lang versucht, mir irgendwelche Frauen vorzustellen, und ich wollte das Gespräch einfach nur beenden.“
„Und deshalb hast du behauptet, ich wäre deine Freundin?“
„Du standest gerade in der Nähe.“
Renata riss die Augen auf.
„Wie romantisch. Ich höre beinahe schon die Geigen.“
Mercedes war begeistert.
„Wie lange seid ihr denn schon zusammen?“
„Wir sind überhaupt nicht zusammen“, sagte Renata.
„Drei Monate“, sagte Alejandro im selben Moment.
Renata sah ihn an, als würde sie ihm am liebsten das gesamte Backblech an den Kopf werfen.
„Drei Monate?“
„Ungefähr.“
„Wie bitte ist man ungefähr mit jemandem zusammen?“
Mercedes küsste ihren Neffen auf die Wange und verschwand, bevor Renata sie aufhalten konnte.
„Führ sie am Sonntag zum Essen aus.“
„Es wird kein Essen geben!“, rief Renata ihr hinterher.
Alejandro ging trotzdem nicht. Stattdessen zog er eine Karte aus der Tasche und legte sie auf den Tresen.
„Ich habe einen Vorschlag.“
„Nein.“
„Du hast ihn noch gar nicht gehört.“
„Ich habe bereits genug von einem Mann gehört, der unser Gespräch damit begonnen hat, eine Beziehung mit mir zu erfinden.“
Alejandro erklärte ihr, dass seine Tante seit Jahren versuchte, ihn mit Frauen aus mächtigen Familien zu verkuppeln. Wenn Renata drei Wochen lang so tun würde, als sei sie seine Freundin, würde Mercedes ihn endlich in Ruhe lassen.
„Ich bezahle dich für deine Zeit.“
Renatas Lächeln verschwand.
Sie war eine kurvige Frau mit dunklem Haar und einem festen, selbstbewussten Blick. Diese Bäckerei hatte sie mit einem kleinen Kredit und Sechzehn-Stunden-Arbeitstagen aufgebaut. Jahrelang hatte sie Kunden ertragen, die glaubten, sich über ihr Gewicht lustig machen zu dürfen, und Geschäftsleute, die davon überzeugt waren, eine Frau brauche einen Mann, um ernsthaft verhandeln zu können.
„Meine Zeit hat einen Preis“, sagte sie. „Meine Würde nicht.“
Alejandro nannte eine Summe.
Renata griff nach einem Sack Mehl.
Einer der Leibwächter trat sofort einen Schritt zurück.
„Tu es nicht“, warnte Alejandro.
Sie warf den Sack.
Der Aufprall hüllte den Anzug des gefürchtetsten Mannes der Stadt in eine weiße Mehlwolke.
„Verhandlung beendet.“
Alejandro wischte sich langsam das Mehl von der Schulter.
„Du bist wirklich schlecht im Verhandeln.“
„Nein. Du bist nur wirklich schlecht darin, das Wort ‚Nein‘ zu verstehen.“
Dann schickte sie ihn hinaus.
Renata glaubte, damit sei die Sache erledigt.
Am nächsten Morgen um exakt 8:15 Uhr kam Alejandro zurück.
„Nein“, sagte sie, noch bevor er den Tresen erreicht hatte.
„Ich habe noch gar nichts gefragt.“
„Ich spare uns beiden Zeit.“
Am nächsten Tag kam er wieder.
Er bekam dieselbe Antwort.
Am dritten Morgen erschien er jedoch mit einem Mädchen.
Die Jugendliche war fünfzehn, trug dunkle Kleidung und wirkte, als würde sie eine Traurigkeit mit sich herumtragen, die viel zu schwer für ihre schmalen Schultern war.
„Renata, das ist meine Nichte Camila.“
„Bist du die berühmte Freundin?“, fragte Camila.
„Auf gar keinen Fall.“
Zum ersten Mal lächelte das Mädchen.
Renata reichte ihr eine Schürze.
„Du kannst mir helfen. Oder du kannst dort stehen bleiben und deinem Onkel dabei zusehen, wie er so tut, als wäre er wichtig.“
Camila brach in Gelächter aus.
Alejandro erstarrte.
Renata sah den Ausdruck in seinen Augen und begriff plötzlich, dass er das Mädchen nicht hierhergebracht hatte, um Mercedes zu überzeugen.
„Sie hat seit Monaten nicht mehr so gelacht“, gestand Alejandro, nachdem Camila sich entfernt hatte. „Ihre Mutter ist letztes Jahr gestorben. Sie war meine Schwester.“
Renata wurde ernst.
„Hast du Camila jemals gefragt, was sie eigentlich braucht?“
Alejandro schwieg.
Er konnte gefährliche Geschäftsleute dazu bringen, sich ihm gegenüber an einen Tisch zu setzen.
Aber er wusste nicht, wie er mit einem fünfzehnjährigen Mädchen reden sollte, das seine Mutter vermisste.
„Gestern hat Camila gefragt, ob sie wiederkommen darf“, erklärte er. „Hier scheint sie sich daran zu erinnern, wie es sich anfühlt, einfach nur ein Kind zu sein.“
Renatas Widerstand begann zu bröckeln.
„Drei Wochen. Strenge Regeln. Und kein Geld.“
„Einverstanden.“
„Du mischst dich nicht in mein Geschäft ein. Deine Männer bleiben draußen. Du entscheidest weder darüber, was ich anziehe, noch wohin ich gehe oder mit wem ich rede. Und du küsst mich nicht, nur damit diese Lüge glaubwürdiger wirkt.“
Alejandro hob eine Augenbraue.
„Wie sollen wir dann irgendjemanden überzeugen?“
„Versuch es doch mal mit Persönlichkeit.“
Vom anderen Ende der Bäckerei ertönte Camilas Lachen.
Renata sah den Mann an, der sich beinahe alles kaufen konnte, und begriff, dass er etwas brauchte, das sein Geld niemals würde kaufen können:
Eine Familie, die wieder lachen konnte.
Was sie nicht ahnte, war, dass sie beim Versuch, ihm Camila zurückzugeben, auch ihr eigenes Herz in Gefahr bringen würde.
TEIL 2
Die Lüge, die sich plötzlich echt anfühlte
Das erste gemeinsame Familienessen war eine Katastrophe.
Alejandro unterbrach Camila noch vor dem Hauptgang dreimal.
Beim vierten Mal legte Renata ihm die Hand aufs Handgelenk.
„Sie ist noch nicht fertig.“
Der gesamte Tisch verstummte.
Alejandro sah seine Nichte an.
„Entschuldige. Erzähl weiter.“
Camila blinzelte überrascht.
Nach und nach wurden die Besuche in der Bäckerei zu einem festen Bestandteil ihres Alltags.
Camila half nach der Schule beim Dekorieren von Torten.
Alejandro erschien jeden Morgen – angeblich, um die Lüge glaubwürdig zu halten.
„Kein einziges Mitglied deiner Familie ist hier“, bemerkte Renata eines Morgens.
„Der Schein muss konsequent gewahrt werden.“
„Vor wem? Den Brötchen?“
Er begann, ihr Fragen zu stellen.
Warum sie die Bäckerei eröffnet hatte.
Warum sie nie expandiert hatte.
Warum sie Sonnenblumen mochte.
„Ich muss etwas über meine Freundin wissen.“
„Falsche Freundin.“
„Ich brauche glaubwürdige Informationen.“
„Für wen?“
Darauf wusste Alejandro keine Antwort.
Eines Nachmittags brachte er ihr Blumen, obwohl kein einziges Familienmitglied anwesend war.
Renata musterte den riesigen Strauß.
„Was hast du angestellt?“
„Nichts.“
„Männer tauchen nicht grundlos mit so einem gigantischen Blumenstrauß auf.“
„Die sind für dich.“
„Und wer soll sie sehen?“
Alejandro blickte sich um.
„Die Muffins.“
Renata lachte.
Und er sah sie an, als hätte dieses Lachen die gesamte Bäckerei ein wenig wärmer gemacht.
Die größte Veränderung aber geschah mit Camila.
Anstatt weiterhin zu versuchen, ihre Trauer mit Reisen und Geschenken zu reparieren, lernte Alejandro, sich einfach neben sie zu setzen.
Eines Nachmittags fand er sie beim Verzieren von Keksen.
„Möchtest du über deine Mutter reden?“
Camila senkte den Blick.
„Nicht, wenn du mir wieder sagen willst, dass ich stark sein muss.“
Alejandro setzte sich neben sie.
„Bei mir musst du nicht stark sein.“
Camila begann zu weinen.
Diesmal versuchte er nicht, sie aufzuhalten.
Er nahm sie einfach in den Arm und ließ zu, dass sein teurer Anzug voller Zuckerguss wurde.
Renata beobachtete die beiden aus der Küche.
Und sie spürte, wie etwas Gefährliches in ihr wuchs.
Die Abmachung fühlte sich längst nicht mehr wie eine Lüge an.
Doch keiner von ihnen wagte es, das auszusprechen.
Die eigentliche Prüfung kam bei einer Wohltätigkeitsgala.
Renata trug ein smaragdgrünes Kleid, das ihre Kurven elegant betonte.
Einige Gäste sahen sie neugierig an.
Andere unverhohlen herablassend.
Verónica Alcázar, eine elegante Erbin, die selbst gehofft hatte, Alejandro eines Tages zu heiraten, näherte sich mit einem Weinglas in der Hand.
„Du bist also die Bäckerin.“
„Normalerweise benutzen Menschen meinen Namen.“
„Alejandro hatte früher ziemlich vorhersehbare Vorlieben.“
Renata sah zu Alejandro.
„Warst du mit ihr zusammen?“
„Nein.“
„Perfekt. Ich hasse es, mich mit vorhersehbaren Frauen messen zu müssen.“
Alejandro konnte ein Lachen kaum unterdrücken.
Später versammelte Verónica mehrere Gäste um sich.
„Wir sollten Alejandro eigentlich gratulieren“, sagte sie laut, „dafür, dass er tatsächlich alle dazu gebracht hat, diese Geschichte zu glauben.“
Die Gespräche ringsum verstummten.
„Die Beziehung begann als Arrangement“, fuhr sie fort. „Er brauchte eine falsche Freundin und dachte offenbar, eine dankbare Bäckerin würde jede Gelegenheit ergreifen, um in diese Welt hineinzukommen.“
Dann ließ sie ihren Blick demonstrativ über Renatas Körper wandern.
„Aschenputtel-Geschichten sind heutzutage wirklich sehr … inklusiv geworden.“
Die Demütigung traf Renata nicht, weil sie den Worten glaubte.
Sondern weil jeder im Raum genau verstand, was Verónica damit sagen wollte.
Alejandro trat einen Schritt vor.
„Entschuldige dich.“
Verónica hob die Brauen.
„Oder was?“
Seine Stimme wurde gefährlich ruhig.
„Ich kann dafür sorgen, dass niemand in diesem Saal es jemals wieder lustig findet, Renata zu demütigen.“
Eine Welle der Angst ging durch den Raum.
Doch Renata stellte sich vor ihn.
„Ich brauche nicht, dass du alle bedrohst.“
„Sie hat dich beleidigt.“
„Dann lass mich selbst antworten.“
Renata wandte sich Verónica zu.
„Ja, ich bin Bäckerin. Ich habe mein Geschäft aufgebaut, ohne einen mächtigen Familiennamen hinter mir zu haben. Mein Körper ist keine Entschuldigung, und meine Arbeit ist nichts, wofür ich mich schämen müsste. Du bist in einen Raum voller Menschen gekommen, und das Interessanteste, was dir eingefallen ist, war der Versuch, eine andere Frau kleiner zu machen.“
Verónicas Lächeln erlosch.
Dann drehte Renata sich zu Alejandro.
„Und jetzt sag mir die Wahrheit. Was bin ich für dich?“
Alejandro erstarrte.
Er konnte Befehle erteilen.
Verhandeln.
Beschützen.
Doch auszusprechen, was er empfand, bedeutete einzugestehen, dass er das Ergebnis nicht mehr kontrollieren konnte.
Sekunden vergingen.
Zu viele.
Renata nickte traurig.
„Das dachte ich mir.“
„So einfach ist es nicht.“
„Doch. Für mich ist es längst keine Lüge mehr. Ich weiß nur nicht, ob es dir genauso geht.“
„Renata …“
„Wenn niemand zuschauen würde, wenn Camila und Mercedes nicht überzeugt werden müssten – würdest du morgen trotzdem in meine Bäckerei kommen?“
Alejandro wollte antworten.
Aber er fand keine Worte.
Renata ging.
In den folgenden zwei Tagen kam er nicht zurück.
Jedes Mal, wenn die Tür von Dulce Amanecer klingelte, hob Renata automatisch den Kopf.
Und jedes Mal, wenn jemand anderes hereinkam, ärgerte sie sich über sich selbst.
Die Lüge war vorbei.
Warum also fühlte es sich an, als hätte sie gerade etwas Echtes verloren?
TEIL 3
Der Mann, der lernen musste, um etwas zu bitten
Am dritten Tag kam Camila allein in die Bäckerei.
„Ich werde nicht über deinen Onkel sprechen“, warnte Renata.
„Das hatte ich auch nicht vor. Ich wollte dir nur mitteilen, dass er völlig miserabel ist.“
„Das zählt als über ihn sprechen.“
Camila nahm sich einen Keks.
„Er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Und er weiß inzwischen auch, dass du ihn nicht gebraucht hast, um Verónica Angst einzujagen.“
„Etwas zu wissen bedeutet nicht, sich verändert zu haben.“
„Genau das habe ich ihm auch gesagt.“
Renata musste gegen ihren Willen lächeln.
Camila bat sie nicht, ihm zu verzeihen.
Sie kaufte Brot, erzählte von der Schule und ging wieder.
Am nächsten Morgen öffnete sich um exakt 8:15 Uhr die Tür.
Alejandro trat ein.
Keine Blumen.
Seine Leibwächter warteten weit entfernt.
Keine Familienmitglieder.
Keine Veranstaltung.
Keine Ausrede, die seine Anwesenheit rechtfertigen konnte.
Renata verschränkte die Arme.
„Wen versuchen wir heute zu überzeugen?“
„Niemanden.“
„Familiärer Notfall?“
„Nein.“
„Warum bist du dann hier?“
Alejandro sah sich in der Bäckerei um.
„Weil du mir eine Frage gestellt hast und ich sie nicht beantworten konnte.“
Renata wartete.
„In meinem Leben kommt jeder aus einem bestimmten Grund zu mir“, fuhr er fort. „Wegen Geld. Angst. Gefälligkeiten. Verpflichtungen. Ich dachte, bei dir wäre es genauso. Zuerst warst du für mich ein Ausweg aus den Verkupplungsversuchen meiner Tante. Danach warst du jemand, der Camila helfen konnte.“
„Und jetzt?“
„Camila redet inzwischen mit mir. Mercedes kennt die Wahrheit. Unsere Abmachung ist vorbei.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
Alejandro hielt ihrem Blick stand.
„Ich bin zurückgekommen, weil ich dich sehen wollte.“
Es war keine perfekte Liebeserklärung.
Und gerade deshalb glaubte Renata ihm.
„Mich sehen zu wollen bedeutet noch nicht, dass du für eine Beziehung bereit bist.“
„Ich weiß.“
„Ich werde nie wieder etwas vorspielen.“
„Das verlange ich nicht.“
„Ich werde nicht deine Freundin sein – weder für Camila noch für Mercedes noch damit deine Familie beruhigt ist.“
„Ich weiß.“
„Und ich werde niemals zulassen, dass du versuchst, mich zu kaufen.“
Alejandro warf einen Blick auf den nächstgelegenen Mehlsack.
„Diese Lektion habe ich auf ziemlich traumatische Weise gelernt.“
Renata musste beinahe lachen.
„Was willst du dann?“
„Wissen, ob du mir erlaubst, wiederzukommen, ohne eine Ausrede zu brauchen.“
„Du kannst einen Kaffee kaufen.“
Er bezahlte.
Und setzte sich.
Am nächsten Tag kam er wieder.
Am Tag darauf ebenfalls.
An manchen Morgen war Renata so beschäftigt, dass sie kaum Zeit hatte, mit ihm zu reden.
Alejandro trank dann einfach seinen Kaffee und ging wieder, ohne Aufmerksamkeit einzufordern.
Er lernte, zu fragen, bevor er Pläne machte.
Und er lernte, ein „Nein“ zu akzeptieren, ohne daraus sofort eine Verhandlung machen zu wollen.
Als er ihr das nächste Mal Blumen brachte, war es kein riesiges Arrangement.
Es war ein kleiner Strauß Sonnenblumen.
„Ich habe gefragt, welche Blumen du magst“, erklärte er.
„Wen?“
„Den Floristen. Ich habe ihm gesagt, dass du unerträglich bist und ich Hilfe brauche.“
„Ich hoffe, du hast ihm ordentlich Trinkgeld gegeben.“
„Unverschämt viel.“
Die Wochen vergingen.
Camila begann, Alejandro zu besuchen, ohne dass Renata dabei sein musste.
Manchmal stritten die beiden.
Doch sie versteckten sich nicht länger hinter Schweigen.
Eines Abends brachte die Jugendliche eine Kiste in die Bäckerei, die ihrer Mutter gehört hatte.
Darin lagen alte Familienrezepte.
„Mama wollte irgendwann einmal ein Restaurant eröffnen“, sagte Camila. „Sie hat es nie geschafft.“
Renata blätterte durch die Seiten.
„Wir könnten jeden Sonntag eines ihrer Rezepte ausprobieren.“
Alejandro sah sie bewegt an.
Der erste Kuchen verbrannte.
Der zweite war völlig schief.
Auf den dritten schrieb Camila mit Zuckerguss:
„Für Mama.“
Nach Ladenschluss aßen sie ihn zu dritt.
Zum ersten Mal seit dem Tod seiner Schwester sprach Alejandro über sie, ohne sich hinter dem kalten Mann zu verstecken, den alle anderen fürchteten.
„Daniela war älter als ich. Als sie starb, dachte ich, meine Aufgabe wäre es, alles zu ersetzen, was Camila verloren hatte.“
„Niemand kann eine Mutter ersetzen“, sagte Renata. „Aber du kannst bei ihr bleiben, während sie lernt, mit dieser Lücke zu leben.“
Alejandro nahm die Hand seiner Nichte.
In jener Nacht begriff er, dass Beschützen nicht immer bedeutete, Kontrolle auszuüben.
Manchmal bedeutete es einfach, schweigend neben einem Menschen sitzen zu bleiben, der litt.
Verónica machte ihren letzten Fehler bei einem weiteren Empfang.
„Ich sehe, die Vorstellung geht weiter“, bemerkte sie, als sie Alejandro und Renata gemeinsam entdeckte.
Alejandro antwortete, bevor Renata es konnte.
„Die Vorstellung ist vorbei.“
Verónica lächelte.
„Dann bist du also endlich wieder zur Vernunft gekommen.“
„Nein. Ich habe endlich gelernt, die Wahrheit zu sagen.“
Mehrere Gespräche in ihrer Nähe verstummten.
„Unsere Beziehung begann als Arrangement“, erklärte Alejandro. „Ich habe gelogen und Renata Geld angeboten. Sie hat abgelehnt. Ich bot ihr mehr an, und daraufhin bewarf sie mich mit Mehl.“
Camila brach in Gelächter aus.
„Der Teil stimmt“, bestätigte sie.
„Danach erfand ich immer neue Gründe, um ihre Bäckerei zu besuchen. Ich behauptete, es sei wegen meiner Familie. Aber niemand hat mich gebeten, ihr Blumen zu bringen. Niemand hat mich gezwungen, stundenlang dortzusitzen und Kaffee zu trinken, den ich überhaupt nicht brauchte.“
Dann sah er Renata direkt an.
„Sie hat nie versucht, in meine Welt zu kommen. Ich war derjenige, der ständig nach neuen Ausreden gesucht hat, um in ihrer bleiben zu dürfen.“
Diesmal bedrohte er niemanden.
Er benutzte weder seinen Namen noch seinen Ruf, um zu kontrollieren, was die Gäste denken sollten.
Er sagte einfach die Wahrheit.
Und akzeptierte, was danach kommen würde.
Verónica ging wortlos davon.
Renata trat näher.
„Das war viel besser, als den gesamten Saal in Angst und Schrecken zu versetzen.“
„Dazu habe ich widersprüchliche Meinungen gehört.“
„Von wem?“
„Von mir selbst.“
Sie lachte.
Alejandro sah sie an.
„Würdest du am Freitag mit mir essen gehen?“
„Wegen des schönen Scheins?“
„Nein.“
„Wegen Camila?“
„Nein.“
„Wegen Mercedes?“
„Auf keinen Fall!“, rief Mercedes vom anderen Ende des Saales. „Aber ich höre trotzdem alles!“
Renata ließ Alejandro absichtlich mehrere Sekunden warten.
„Frag mich morgen noch einmal.“
Er runzelte die Stirn.
„Warum?“
„Du musst üben, dass du nicht immer sofort bekommst, was du willst.“
Am nächsten Morgen erschien Alejandro pünktlich um 8:15 Uhr.
„Abendessen am Freitag?“
Renata wischte mit übertriebener Langsamkeit den Tresen.
Alejandro verengte die Augen.
„Du machst das mit Absicht.“
„Was denn?“
„Mich warten lassen.“
„Ja.“
Schließlich lächelte sie.
„Einverstanden.“
Es folgten mehrere Dates.
Alejandro hörte auf, sie ausschließlich in exklusive Restaurants auszuführen, und lernte, Tacos an einem Plastiktisch, schlechte Filme und lange Nachmittage beim Schließen der Bäckerei zu genießen.
Eines Abends kam er nach Ladenschluss.
Keine Leibwächter.
Keine Blumen.
Keine Familienmitglieder.
„Unsere Abmachung ist seit Wochen beendet“, sagte er. „Camila braucht dich nicht mehr, um mit mir zu reden. Und niemand sieht uns zu.“
Renata lehnte sich gegen den Tresen.
„Warum bist du dann hier?“
„Jahrelang dachte ich, wenn mir etwas wichtig genug wäre, könnte ich das Ergebnis kontrollieren. Bei dir kann ich das nicht. Ich kann deine Zuneigung nicht kaufen. Ich kann deine Zweifel nicht einschüchtern. Und ich kann nicht garantieren, dass du mich niemals verlässt.“
Renata schwieg.
„Ich will eine echte Beziehung“, fuhr er fort. „Aber diesmal muss ich dich fragen: Willst du meine Freundin sein?“
Renata ließ zwanzig Sekunden verstreichen.
Alejandro seufzte.
„Du genießt das.“
„Ich denke nach.“
„Ich habe die Sekunden gezählt.“
„Das nennt man Ungewissheit.“
Alejandro lachte.
Richtig.
Echt.
Renata trat näher.
„Ja.“
Er hob eine Hand.
Doch bevor er sie berührte, hielt er inne.
Selbst in diesem Moment wartete er auf ihre Erlaubnis.
„Du darfst mich küssen“, sagte sie.
Alejandro tat es.
Keine Zuschauer.
Keine Musik.
Keine Familie, die überzeugt werden musste.
Monate später eröffnete Dulce Amanecer eine zweite Filiale, die vollständig unter Renatas Leitung stand – ohne heimliche Investitionen, ohne Bedingungen und ohne Alejandros Einfluss.
Camila entwarf die erste Torte des neuen Geschäfts nach den Rezepten ihrer Mutter.
Und Alejandro?
Er erschien weiterhin jeden Morgen um 8:15 Uhr.
„Du brauchst inzwischen wirklich keine Ausrede mehr“, erinnerte Renata ihn eines Tages.
Er stellte einen Kaffee auf den Tresen.
„Ich weiß. Ich wollte einfach meine Freundin sehen.“
Renata deutete auf den Mehlsack.
„Wenigstens hast du diesmal vorher gefragt.“
Alejandro lächelte.
Der Mann, der beinahe jeden Raum kontrollieren konnte, hatte Renata nicht erobert.
Er hatte ihre Liebe nicht gekauft.
Und er hatte ihren Widerstand nicht gebrochen.
Er hatte etwas gelernt, das für einen Mann, der gewohnt war, alles zu bekommen, weitaus schwieriger war:
Er hatte gelernt, zu fragen.
Und Renata, die vollkommen frei gewesen wäre, ihn abzulehnen, hatte sich aus freien Stücken für ihn entschieden.